Wildnis für EinsteigerInnen – im Garten und auf dem Balkon
Ein Brombeerdschungel, nie wieder Tomaten ernten und alles einfach sich selbst überlassen? Keine Sorge. Das ist nicht gemeint, wenn ich vom Wildnisgärtnern spreche.
Wildnis heißt nicht verwahrlosen lassen. Wildnis heißt: In Teilen sein lassen, was ist. Eine vergessene Ecke hinterm Kompost. Fallobst, das liegen bleiben darf. Ein Staudenbeet, das über Winter stehen bleibt. Kleine Inseln, in denen Prozesse ablaufen dürfen, die älter sind als unsere Gartenregeln und -trends. Und genau damit könnt ihr anfangen. Ohne alles umzukrempeln.
Wildnis im Garten ist nicht gleich „verwildert“. Schon gar nicht verwahrlost. Wildnis bedeutet, dass an manchen Stellen im Garten nicht sofort eingegriffen wird. Dass ökologische Prozesse stattfinden dürfen – auch wenn sie nicht unserem Ordnungssinn entsprechen. In Zeiten der Klimaveränderung weiß niemand genau, welche Arten sich anpassen können und welche nicht. Umso sinnvoller ist es, möglichst viele Lebensräume zu erhalten. Für Nützlinge, für sogenannte Schädlinge, für alles dazwischen.
Kleine Beispiele fürs Wildnisgärtnern
Ein gutes Beispiel sind Mauselöcher. Kaum jemand freut sich darüber – außer Hummeln. Früh im Jahr erwachen die Hummelköniginnen und suchen alte Mäusegänge, um ein neues Volk zu gründen. Kommt noch einmal Frost, retten Laubschichten im Staudenbeet oft ihr Überleben. Ohne diese scheinbar „unordentlichen“ Strukturen gäbe es viele Hummelvölker gar nicht.
Wie ihr Wühlmäuse und Co ökologisch elegant in ihre Schranken weist: hier weiterlesen
Oder: Blattläuse. Sie sind das Plankton des Gartens. Von ihnen leben Schwebfliegen, Ohrkneifer, Meisen, Ameisen. Und von diesen wiederum andere Tiere. Wer alles sofort bekämpft, unterbricht Nahrungsketten – und verhindert, dass die Blattlaus-Fresserchen kommen. Das dauert meist nur wenige Tage bis ein, zwei Wochen.
Das Blattläuse den Garten am Laufen halten, glaubt ihr nicht? Hier weiterlesen.
Laub ist kein Müll. Es ist Nährstoffrecycling, Winterquartier, Dämmstoff und im Frühjahr Nistmaterial und Futter für viele Insekten. Laub liegen und fliegen zu lassen erhält den Garten am Leben.
Denn: Laub ist Liebe. Hier weiterlesen
Das alles sieht manchmal wild aus. Ja. Oder: anders als unsere Sehgewohnheiten oder als das, was als „in Ordnung“ gilt. Muss es aber gar nicht. Und man kann sich auch nach und nach dran gewöhnen.
Ihr müsst nicht alles auf einmal ändern. Im Gegenteil. Fangt irgendwo weiter entfernt vom Haus an, dann fällt es nicht so auf.
Nicht der ganze Rasen muss Wiese werden. Lasst Inseln stehen. Mäht Streifen. Pflanzt Blumen. Stauden nur teilweise schneiden, Wildkräuter wachsen und stehen lassen. Gebt der Wildnis einen Rahmen. Ein niedriger Flechtzaun vor dem Staudenbeet. Eine Bank vor dem Brombeerdickicht. Ein Kreis aus Steinen um die Disteln. Schon wirkt es nicht mehr wie „Unkraut“, sondern wie ein Konzept.
Solche Strukturen helfen doppelt: kleine Reisighaufen, geschichtete Holzstücke, Totholz am Rand, als Rahmen. Für Tiere ist dieses „Durcheinander“ ideal – es isoliert, speichert Feuchtigkeit, bietet Nahrung und Verstecke.
Und wenn ihr Missverständnisse vermeiden wollt: Ein Schild am Zaun erklärt eure Absicht. Wildnis ist keine Nachlässigkeit. Wildnis ist wichtig, Wildnis ist richtig. Wildnis ist in Ordnung.
Genau dafür habe ich mein Wildnis-Schild „Ausgezeichnet für Artenvielfalt“ ins Leben gerufen. Hier findet ihr alle Informationen dazu.
Außerdem werdet ihr schnell reich belohnt, wenn ihr wildnisgärtnert: die hübschen Distelfinken werden eure stehen gelassene Disteln besuchen. Verblühte Samenstände von Wilde Möhre oder Karde sehen auch verblüht noch gut aus und verwandeln euren Garten mit Frost und Schnee in ein Winterwonderland. Fallobst ist ein Festmahl für viele Insekten und das lockt dann wiederum mehr Vögel an oder auch Igel. Und mehr Vögel, Schmetterlinge und andere Tiere um uns herum zu haben steigern nachweislich das Wohlbefinden.
Erste Schritte für mehr Wildnis
- Stauden erst im Frühjahr schneiden
- Laub unter Sträuchern liegen lassen
- Eine kleine wilde Ecke aussuchen und sich selbst überlassen
- Wieseninseln im Rasen stehen lassen
- Reisig oder Holzstücke stapeln; oder eine Trockenmauer
- Blattläuse erstmal beobachten statt bekämpfen
Wildnis auf dem Balkon – geht das?
Ja, auch im Kleinen geht Wildnis. Nicht jede hat einen Garten. Viele von euch gärtnern auf Balkonen oder in Innenhöfen. Auch dort ist Wildnis möglich. Auch auf einem Grab oder der Baumscheibe vor der Haustür. Es geht nicht darum, alles maximal richtig zu machen. Sondern Möglichkeiten zu schaffen.
Zum Beispiel könnt ihr:
Laub und Verstecke arrangieren: Unter Palettenmöbeln oder Weinkisten könnt ihr Laub, Holzstücke und Pflanzenreste verschwinden lassen. Außen ordentlich, praktisch für die Teetasse, innen Lebensraum für Asseln, Käfer, Spinnen.
Sträucher im Kübel: Auch auf dem Balkon machen Gehölze viel aus. Sie bieten ganzjährig Struktur, verbessern das Kleinklima, liefern Pollen, Früchte, Blätter und Landeplätze.
Stauden stehen lassen: Trockene Stängel sind Überwinterungsplätze für Insekten. Wählt Arten, die auch verblüht schön aussehen.
Der Zufallstopf: Ein Topf, in dem wachsen und leben darf, was will und kommt. Mit Steinen und Totholz wird er zum Mini-Wildnis-Stillleben.
Wasserstelle: Ein kleiner Miniteich oder eine Schale reicht. Auch verschlammtes Wasser bietet Feuchtigkeit für Insekten.
Blattläuse zulassen: Blattläuse sind kein Drama. Sie sind Nahrungsgrundlage. Mit „Opferpflanzen“ lenkt ihr sie gezielt und lockt Nützlinge an.
FAQ: Fragen & Antworten
Sieht Wildnis nicht ungepflegt aus? Mit klaren Grenzen, geraden Wegen und Einfassungen oder Sitzplätzen wirkt Wildnis gestaltet. Unser Auge empfindet solche Rahmen als „ordentlich“ und schon wird es nicht mehr als verwildert interpretiert. Sondern als wildromantisch.
Was sagen die Nachbarn? Manche so, manche so. Verbieten kann man Wildnis nicht, so lange Wegsicherheit und ähnliches gewährleistet sind. Erklärt eure Absicht, zeigt ihnen die Schmetterlinge im Sommer. Hängt Schilder auf, die klar machen, dass hier niemand rumschlampt. Sondern mit Absicht für Artenvielfalt wildnisgärtnert.
Ohne Rasen und Hortensien und Geranien kann ich mir meinen Garten nicht vorstellen. Muss ich das alles umstellen? Nein. Fangt einfach mit dem an, was euch anlacht. Macht es mit Hortensien, aber lasst auch Brennesseln stehen. Mäht den Rasen kurz, aber lasst das Moos drin. Wildnis ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Es gibt kein Ganz oder Gar nicht, jedes bisschen zählt.
Kann ich in meinem Garten auch noch was ernten? Ja, es wird sogar oft einfacher. Oft werden Pflanzen robuster, „Schädlinge“ und Nützlinge erledigen das unter sich. Auch Schneckenfraß ist in Wildnisgärtnen kein großes Thema mehr.
Der große Vorteil: Wildnisgärtnern spart Arbeit.
Ein großer Vorteil ist nicht nur der sofort spürbar größere Artenreichtum. Sondern im Wildnis-Garten erspart man sich viel außerdem viel Arbeit, die sonst Pflichtprogramm sind: Düngen, Umgraben, Jäten, Stutzen, Vertikutieren, Rückschnitt. Die Natur nimmt einem viel davon ab – und belohnt uns außerdem: Pflanzen werden robuster, die Vielfalt nimmt zu, Schädlinge halten sich gegenseitig in Schach. Und es gibt Studien, die belegen, dass mehr Vögel oder Schmetterlinge in der Umgebung die Menschen zufriedener machen, und zwar ähnlich stark wie eine Gehaltserhöhung. Je wilder der Garten, desto mehr Arten werden kommen. Und zwar nicht nur die üblichen Gartenvögel an oder die Mauerbienen im Insektenhotel. Sondern Distelfinken, Igel, Rosenkäfer, Heupferdchen oder Kamelhalsfliegen, Eichelbohrer oder Mauswiesel. Wenn wir unser grünes Wohnzimmer mit Wildnis-Ecken einrichten, erschaffen wir nicht nur eine Arche für die Artenvielfalt, sondern auch eine Oase für die Seele.




