Einstieg ins Wildnisgärtnern: Der mähfreie Mai
Vielleicht habt ihr den Begriff schon gehört: Mähfreier Mai. Der mähfreie Mai stammt aus England, seit einigen Jahren gibt es die Aktion auch hierzulande.
Ich liebe den Mähfreien Mai. Denn diese Aktion ist die perfekte Aktion für den Einstieg ins Wildnisgärtnern. Iihr müsst nichts kaufen, nichts sammeln, buddeln, schichten, nichts planen – sondern einfach einen Monat lang NICHTS MACHEN. Und ihr habt einen plausiblen Grund, dafür (keine Faulheit oder so :-)) falls jemand fragt.
Falls ihr die Nachbarn informieren wollt:
Unter diesem Link findet ihr einen kleinen Flyer für den Gartenzaun: Mähfreier Mai – Wir sind dabei.
Falls ihr die Nachbarn animieren wollt, mitzumachen:
Auch dazu habe ich einen kleinen Flyer für euch: Mähfreier Mai – Bitte mitmachen.
Wenn ihr den Mähfreien Mai schon kennt...
… und euch fragt, wie gehts danach weiter: dann ist dieser Blog-Beitrag für euch:
Viele Fragen tauchen ja erst auf, wenn man es ausprobiert hat. Zum Beispiel: Warum wächst bei mir nur Gras? Welche Tiere profitieren überhaupt? Wie mähe ich danach weiter? Und mache ich das eigentlich „richtig“?
Und für alle Einsteigerinnen und Einsteiger – kommt jetzt der Einstieg.
Was ist der mähfreie Mai?
Die Aktion „Mähfreier Mai“ kommt aus England. Dort hat man den englischen Rasen erst zum Vorbild gemacht und dann irgendwann gemerkt, wie unerquicklich dieses Ideal für die Artenvielfalt ist. Seit 2021 gibt es die Aktion Mähfreier Mai auch in Deutschland. Einen Monat lang darf der Rasenmäher stehen bleiben, das Gras auch. Kräuter und Blumen können wachsen und blühen. Hummeln finden Pollen, Schmetterlinge Raupenfutter, Vögel und Igel finden mehr Insekten. Der Boden bleibt feucht und lebendig, das freut auch die Regenwürmer. So wird im Mai aus einer Grünfläche ein Lebensraum.
Nicht mähen. Und trotzdem alles richtig machen. Fertig ist die Aktion für mehr Artenvielfalt.
Klingt super, oder? Einfach mal nichts tun. Aber so einfach ist es nicht. Es ist zwar weniger anstrengend, nicht zu mähen, als regelmäßig zu mähen. Aber es ist auch anstrengend, es nicht zu tun. Mental. Weil wir so sehr daran gewöhnt sind, dass eine Grünfläche kurz, ordentlich und geschniegelt auszusehen hat. Weil andere es einfordern. Weil wir kein Gefühl dafür haben, wie es stattdessen aussehen soll.
Was bringt das für die Artenvielfalt?
Ziemlich viel, auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht nicht so aussieht. Schon ein paar Zentimeter mehr machen einen Unterschied. Viele Pflanzen, die sonst nie zur Blüte kommen, bekommen jetzt ihre Chance. Löwenzahn, Klee, Gänseblümchen, Spitzwegerich, Ehrenpreis, Hahnenfuß, Taubnesseln. Je nachdem, was bei euch ohnehin schon im Boden schlummert. Davon profitieren nicht nur Wildbienen, sondern auch Käfer, Heuschrecken, Schwebfliegen, Falter, Raupen, Vögel, Igel und viele andere. Längeres Gras schafft Strukturen, an denen Spinnen ihre Netze aufhängen können. Kröten und Frösche gut geschützt ihre ersten Hüpfer machen, wenn sie winzig klein aus den Laichgewässern schlüpfen.
Und ihr habt selbst eine Menge davon:
Eine lebendige Fläche ist nicht nur für die Tiere interessanter, sondern auch für euch. Es summt, raschelt, zwitschert, blüht und verändert sich. Viele Menschen merken sehr schnell, dass ihnen ein Garten mit mehr Leben besser tut als eine reine Funktionsfläche. Dazu kommt der ganz praktische Vorteil: Längere Halme und mehr Pflanzenvielfalt machen eine Fläche robuster gegen Hitze, Trockenheit und Starkregen. Das ist nicht nur hübsch, sondern sinnvoll. Eure Grünfläche schafft ein gutes Kleinklima für Hitzesommer, nimmt Starkregen besser auf und vertrocknet und vermatscht nicht so schnell – je nach Witterung. Und je mehr Arten auf einer Fläche leben, desto besser halten sich „Nützlinge“ und „Schädlinge“ in Schach, ohne dass ihr euch ärgern oder eingreifen müsst.
Und wie geht es nun genau mit dem mähfreien Mai?
Einfach wirklich einen Monat lang nicht mähen. Das wars schon. Auch nicht düngen, Moos entfernen. Dann zeigen sich schon bald die ersten Wildkräuter als bunte Tupfen: Gänseblümchen, Ehrenpreis oder Klee, Hahnenfuß oder Taubnesseln. Und die ersten Insekten kommen.
Das Entscheidende passiert hinterher: Wie geht es dann weiter? Am besten schneidet ihr danach nicht alles auf einmal wieder, sondern lasst es noch länger stehen, mäht abschnittsweise, stellenweise, tageweise. Nur so viel wie nötig, so wenig wir möglich und nie alles auf einmal. Aber auch wenn ihr im Juni ganz klassisch weitermacht, habt ihr mehr getan als viele andere.
Was ich sehr häufig gefragt werde: Wird dann aus meinem Rasen automatisch eine Blumenwiese?
Nein. Eine echte Blumenwiese ist eine komplexe Lebensgemeinschaft. Sie besteht nicht nur aus dem richtigen Saatgut, sondern aus Boden, Pflege, Standort, Zeit und all den Tieren, die mitwirken. Ich weiß, viele träumen von einer richtigen wilden Blumenwiese. So wie sie früher überall ganz von selbst gewachsen ist. Sie wächst aber nicht einfach so, sondern im Zusammenspiel mit Standortbedingungen, großen Grasfressern und kleinen Insekten, die wie Nadel und Faden alles zusammenhalten und ohne die eine Wiese nicht funktioniert.
Einen typischen Rasen in eine Wiese zu verwandeln, klappt deshalb oft nicht gut. Der Gartenboden ist gesättigt mit Dünger, das mögen wilde Gräser, Blumen und Kräuter überhaupt nicht gern. Das richtige Saatgut zu bekommen, ist aufwändig und teuer, die preiswerten Mischungen im Gartenmarkt bestehen überwiegend aus einjährigen, schnell auflaufenden Ackerbegleitblumen, die sich zwar zum Teil selbst wieder aussäen, aber nicht wieder keimen, weil sie dafür auf offene Flächen angewiesen sind. Samen für die eigentlichen Wiesenblumen, die auch in der dann dichten Pflanzendecke und Grasnarbe neu keimen, sind in diesen Mischungen in der Regel nicht enthalten oder die Samen in den Tütchen sind aus ganz Europa zusammengewürfelt.
Wenn ihr wirklich eine richtige wilde Blumenwiese haben wollt, dann braucht ihr mehr als den mähfreien Mai. Dann braucht ihr Zeit, Geld und Geduld. Lasst euch gut beraten, kauft das Saatgut gezielt, zum eigenen Boden passend zusammengestellt. Aber auch dann werden all die Insekten und Kriech- und Krabbeltiere nicht mitgeliefert und kommen auch nicht mal eben so. Außerdem muss man regelmäßig mähen und das Schnittgut entfernen – es sei denn ihr habt Schafe oder andere Grasfresser. Mähen ist wichtig, damit die Pflanzen zur Blüte kommen, aber nicht alles überwuchert wird. Das Schnittgut solltet ihr abräumen, wenn es sich versamt hat, sonst düngt es den Boden – und dann gewinnen wieder die Gräser.
Fazit: Eine richtige Blumenwiese ist mit ähnlich viel Mühen verbunden wie ein englischer Rasen.
Was immer klappt: ein Wildrasen
Ein Wildrasen ist das perfekte Zwischending und eigentlich müsst ihr kaum etwas machen dafür.
Lasst den Rasen einfach nach und nach sich selber verwandeln – so entsteht eine Grünfläche zum Benutzen: artenreich, pflegeleicht und klimafest. Ein lebendiger Teppich aus Gräsern, Kräutern und blühenden Wildpflanzen, so wie er zu eurem Garten passt.
So gehts genau:
- Rasen nicht mehr düngen. Denn Dünger mögen nur die paar Rasengräser, er lässt sie besonders gut wachsen. Wenn du auf diese exklusive Förderung verzichtest, zeigen sich schon bald die ersten Wildkräuter als bunte Tupfen: Gänseblümchen, Ehrenpreis oder Klee, Hahnenfuß oder Taubnesseln.
- Nicht mehr so oft mähen wie sonst, nicht mehr alles am Stück auf einmal und auch nicht so niedrig mähen wie sonst, mindestens 3 cm Wuchshöhe sollte den Pflanzen bleiben. Vorteil für den Rasen: Je länger die Halme, desto besser hält er in trockenen Zeiten durch, weil sich Tau in den Halmen sammelt und er sich so selber gießt. Dem Bodenleben geht’s gut, weil es ein schönes Dach über dem Kopf hat, und so haben all die Bodenlebewesen viel Power, den Boden gut zu durchlüften und zu lockern. Starkregen staut sich nicht, sondern versickert entlang der Wurzelwege und Grabgänge.
- Kein „Unkraut“ jäten oder vergiften, vor allem Moos nicht mehr entfernen. Es ist wunderbar weich, darauf zu laufen und die Moospolster wirken ausgleichend auf Wasserhaushalt; wie kleine Schwämme.
- Rasen nicht mehr bewässern. Vertrocknete Stellen sind – wie Maulwurfshaufen oder Ameisenhügelchen – neue Möglichkeiten für neue Pflanzen. Schneller geht’s, wenn ihr die Lücken mit Wildblumensamen flickt.
Alle Fragen, alle Antworten zum Mähfreien Mai habe ich euch in einem EBooklet zusammengestellt. Wie immer zum Download gegen eine kleine Gebühr.
Geblümtes Grün – vom Mähfreien Mai zur wilden Wiese.
Und: Wie immer mit vielen Tipps zum einfachen Wildnisgärtnern, schönen Fotos und zusätzlich: bekommt ihr Tabellen mit passenden Wildwiesen-Blumen, für verschiedenen Standorte und Jahreszeiten.
