Stille Schönheiten im Winter
Moose & Flechten
Moose und Flechten gehören nicht zu den auffälligsten Stars im Garten. Sie machen keine großen Blüten, sie duften nicht, sie werfen sich nicht in Pose für Social Media – außer im Winter. Denn jetzt, im Winter, wo vieles kahl wirkt, fällt ihre Schönheit besonders ins Auge.
Schon (der leicht durchgeknallte) Fürst Pückler (ja, der mit den riesigen Landschaftsparks in Brandenburg) schrieb, „die Vorurtheile gegen Moos seyen falsch“, denn Moos bilde im Schatten „einen Teppich, der an Weiche dem Sammet ähnelt“. Wenn ihr in dieser kahlen Jahreszeit durch Wald, Garten oder Friedhof schaut, seht ihr die leuchtend grünen „Sammetpolster“ sofort. Und wer neugierig wird, sich hinbeugt oder sogar auf die Knie geht, entdeckt: Das hier ist Schönheit im Miniaturformat: Das Silbermoos am Mauerpfahl, das filigrane Frauenhaarmoos, das Brunnenlebermoos mit seinen flachen, glänzenden Blättchen – ein kleines Universum. Selbst das unscheinbare Kranzmoos im Rasen funkelt, wenn sich auf seinen Spitzen Wassertropfen oder Raureif wie Perlen sammeln.
Moose sind uralte Überlebenskünstler.
Vor Hunderten Millionen Jahren direkt aus Algen entstanden – und diese Herkunft sieht man ihnen an. Sie sind anders gebaut als das, was wir heute als „Pflanze“ abspeichern: keine Leitgefäße, keine stabilen Stängel, keine farbprächtigen Blüten. Klein und flach liegen sie ohne richtige Wurzeln auf ihrer Unterlage, Wasser wird direkt über die Blättchen aufgenommen. Genau deshalb können sie da wachsen, wo für andere längst Schluss ist: auf Mauern, in Pflasterfugen, in dunklen Waldecken, auf Baumrinde. Im „englischen“ Rasen.
Und wo Moose sind, sind Flechten meist nicht weit
Flechten sind keine Pflanzenarten – biologisch ist der Begriff sogar falsch –, sondern Symbiosen. Lebensgemeinschaften aus einer bestimmten Alge plus einem bestimmten Pilz, manchmal auch einem Cyanobakterium, manchmal mit zwei oder drei Pilzpartnern gleichzeitig. Für die Forschung ist das hochspannend. Für euch wahrscheinlich eher der Farbwechsel am Baum: grün, gelb, orange, grau, blauschwarz. Und für viele Gartenmenschen vor allem die Frage:
Schadet das meinem Baum oder meiner Mauer?
Nein. Flechten zapfen nichts ab. Sie nutzen ihre Unterlage nur als Wohnort. Keine Angst vor den „zotteligen“, „mehligen“ oder „koralligen“ Strukturen – sie gehören einfach dazu. Und bitte: kein Gift. Weder Eisensulfat, noch Pelargonsäure, noch Anti-Algen-Mittel oder Fungizide. Sie stören fast immer das gesamte Mini-Ökosystem drumherum. Wer sie nicht sehen mag: wegschrubben, wegkratzen, wegrechen – wenn es denn unbedingt sein muss.
Warum Moose so wichtig sind – viel wichtiger, als die meisten denken
Moose sind kleine Klimaanlagen. Sie kühlen im Sommer durch Verdunstung und Beschattung. Im Winter halten sie die Feuchtigkeit und ein bisschen Wärme im Boden. Sie speichern CO₂, sie speichern Wasser, sie puffern extreme Temperaturen. Für viele Tiere sind sie Wasserquelle, Lebensraum und Supermarkt zugleich: In winzigen Pfützen auf Moospolstern trinken Insekten, kleine Falter und spezialisierte Arten leben direkt von Moosen und Flechten, während sich winzigste Tiere – Bärtierchen, Asseln, Fadenwürmer, Springschwänze, kleine Schnecken, Spinnen – darin bewegen wie wir in einem Wald. Vögel polstern ihre Nester mit Moos, genauso wie Eichhörnchen ihre Kobel und Mäuse ihre Baue. Und größere Tiere fressen Moose und Flechten im Winter sogar als Notnahrung. Alles in allem: ein unscheinbarer, aber enorm wichtiger Bestandteil der Natur. Und einer, den ihr ganz leicht fördern könnt, einfach indem ihr ihn lasst. Moospolster sind außerdem Feinstaubfilter.
Wenn ihr Moosen und Flechten einmal wirklich auf du und du begegnen wollt: Geht auf einen Friedhof. Die alten, rauen Natursteine, die vielen Bäume, der gesamte Artenreichtum dort sind ein Traumwuchsort für Moose. Feine Ritzen, ein bisschen Feuchtigkeit, ein Hauch organisches Material, Ruhe – besser geht es nicht. Gerade im Winter, wenn Schnee oder Raureif darüberliegen und die tiefstehende Sonne sie aufleuchten lässt, wirken die Polster wie kleine Märchenlandschaften.
